Leben in Todesangst

Der Aids- und LGBT-Aktivst David Kato (1964-2011)

Schwule und Lesben in Uganda droht ein Gesetz, wonach sie allein ihrer sexuellen Orientierung wegen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt werden können. Auch HIV-Präventionisten müssten mit Bestrafung rechnen. Der gerade bei der Berlinale uraufgeführte Film „Call me Kuchu“ beschreibt, wie Schwule und Lesben unter der ständigen Furcht vor Gewalt und Verfolgung leben. Axel Schock hat sich mit Regisseurin Katherine Fairfax Wright und der ugandischen LGBT-Aktivistin Naome getroffen.

„100 Pictures of Uganda’s Top Homos“ titelte im Oktober 2010 die ugandische Tageszeitung „Rolling Stone“. „Hang Them“ forderte sie unmissverständlich in einer Schlagzeile auf, direkt neben dem Foto von David Kato, Ugandas bekanntestem offen schwulen Mann. Wenige Monate später hatten zwei Männer dem Aufruf Folge geleistet und den Aktivisten mit einem Hammer erschlagen. Für die US-Dokumentarfilmerinnen Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall war David Kato ein entscheidender Interviewpartner für ihren Film „Call me Kuchu“, dessen Ermordung am Ende der Dreharbeiten alle Befürchtungen Wirklichkeit werden ließ. Die Filmaufnahmen wurden so zu Katos politischem Testament.

„Homo Terror! We Name and Shame Top Gays in the City“ war eine der Schlagzeilen im „Rolling Stone“, in der Namen und Wohnadressen von Schwulen und Lesben veröffentlicht und sie damit zum Freiwild erklärt wurden. Ihr habt den Herausgeber, den 22-jährigen Giles Muhame, interviewt, und er hat euch amüsiert Rede und Antwort gestanden. Er hat offensichtlich kein Unrechtsbewusstsein.

Katherine Fairfax Wright: Er ist in der Tat sehr stolz auf das, was er tut und sagt. Wir haben in Uganda sehr viele homophobe Menschen gesprochen. Deren Hass und Ablehnung basiert auf tiefen religiösen Gefühlen und ihrer Auslegung der Bibel. Verstärkt wurde diese radikal-homophobe Haltung durch US-amerikanische Evangelistenprediger. Bei Giles Muhame hatte ich allerdings nicht den Eindruck, dass er sehr gläubig ist.

Gibt es überhaupt öffentliche Stimmen, die sich für Homosexuelle und gegen das Gesetz aussprechen?

Katherine Fairfax Wright: Es ist leider so, dass die Medien fast flächendeckend das geplante Gesetz befürworten und desgleichen auch die meisten religiösen Führer – Muslime wie Christen. Die einzigen, die eine andere Meinung vertreten und sich mit Argumenten gegen das Gesetz einsetzen, sind Menschenrechtsaktivisten und einige Juristen.

Naome, zweifache Mutter und LGBT-Aktivistin, gehörte zum engsten Freundeskreis David Katos. Sie ist eine der mutigen Lesben, die sich von den Filmemacherinnen in „Call me Kuchu“ porträtieren ließen. „Rolling Stone“ hat auch ihr Foto veröffentlicht.

Naome, wie hast du diese Jahre ständiger Furcht, Verfolgung und Todesangst durchgestanden?

Naome: Mir blieb nichts anders übrig, als unterzutauchen, wie alle anderen Geouteten. Ich versuchte, mich zu verkleiden, so weit dies ging, und ließ mir auch die Haare lang wachsen. Auf den veröffentlichten Fotos war ich mit sehr kurzen Haaren zu sehen. Ich habe immer gehofft, dass mich keiner erkennt. Ich musste meine Wohnung aufgeben und immer wieder umziehen. Sobald meine Vermieter herausbekommen hatten, dass ich lesbisch bin, warfen sie mich wieder hinaus. Manchmal konnte ich nur in Hotels unterkommen, und eine zeitlang lebte ich in Ruanda.

Das alles kostet, und arbeiten gehen konntest du auch nicht .

Naome: Zum Glück hatte ich Unterstützer, auch meine Familie hat immer zu mir gehalten. Darauf können Schwule und Lesben in Uganda nicht automatisch zählen.

Fairfax Wright: Bei alledem sollte man nicht unbeachtet lassen, wie viel menschliches Kapital hier ungenutzt bleibt. Schwule und Lesben in Uganda sind überdurchschnittlich gebildet. Unter ihnen sind viele Akademiker und gut Ausgebildete, die nun zur Untätigkeit verdammt sind. Manche betätigen sich Vollzeit als Aktivisten, aber damit kann man nicht seinen Lebensunterhalt verdienen. Viele wünschen sich nichts mehr, als ihrem Beruf nachzugehen, dort ihre Fähigkeiten und Kenntnisse einzubringen, und wissen nicht, ob man ihnen dazu jemals wieder Gelegenheit geben wird.

Wie ist es den anderen über hundert Schwulen und Lesben ergangen, die im „Rolling Stone“ geoutet wurden?

Naome: Dieses Massenouting durch die Zeitung war zwar spektakulär, aber es war eigentlich nichts Neues. Schon zuvor wurden Schwule und Lesben in den Medien bloßgestellt, ihre Fotos zum Beispiel im Fernsehen gezeigt. David Kato war in jeder Hinsicht eine Ausnahme. Er hat sich stolz als schwuler Mann der Öffentlichkeit gezeigt, hat Interviews gegeben. Diesen Mut hat sonst niemand aufgebracht.

Wird das Parlament sich trauen, das modifizierte Gesetz im zweiten Anlauf abzusegnen?

Fairfax Wright: Man kann überhaupt nicht einschätzen, was passieren wird. Präsident Yoweri Museveni weiß die Bevölkerung hinter sich, und allein, dass er das Gesetz wieder auf die Agenda gebracht hat, wird ihm Sympathien im Volk bringen. Sicher ist auch: Wenn das Gesetz im Parlament zur Abstimmung kommen sollte, wird es die Mehrheit bekommen.

Gibt es keine anderen Medien oder Politiker, die sich für die Rechte der Homosexuellen einsetzen?

Fairfax Wright: Abgesehen von Menschenrechtsorganisationen und dem einen oder anderen Priester gibt es niemanden in Uganda.

Den ersten Versuch, das Gesetz durchzubringen, hatte man wegen des weltweiten politischen Drucks abgeblasen.

Fairfax Wright: Wir hoffen, dass das nun auch ein zweites Mal gelingt. Bislang ist aber noch nicht viel passiert. Präsident Museveni ist ein kluger Mann und weiß, dass er mit diesem Gesetz die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft aufs Spiel setzt. Hilfe, die er für sein Land dringend benötigt.

Großbritanniens Ex-Premierminister Gordon Brown hat beim letztjährigen Treffen der Commonwealth-Länder in Australien unmissverständlich erklärt, sein Land werde die Mittel für Uganda einfrieren, falls das Gesetz verabschiedet wird.

Fairfax Wright: Wir sind froh, dass Brown das so deutlich gesagt hat und sich andere Politiker - etwa Bill Clinton – ähnlich klar geäußert haben. Sollte Uganda das Gesetz verabschieden, können diese Politiker nicht mehr hinter ihrem Wort zurückstehen, ohne sich selbst unglaubwürdig zu machen. Das ist unsere große Hoffnung.

Naome: Vielleicht wird das Gesetz wieder auf Eis gelegt. Die Drohung aber bleibt. Und wir dürfen nicht vergessen: Solange wir über dieses Gesetz diskutieren, leiden Homosexuelle im ganzen Land darunter. Allein schon deshalb, weil öffentlich darüber debattiert wird und dabei zum Mord an Homosexuellen aufgerufen werden darf, ohne dass dies Konsequenzen hat. Auch wenn die Todesstrafe für Schwule und Lesben noch nicht im Gesetz verankert ist: Die Menschen lassen sich nicht aufhalten, sondern werden sie auf eigene Faust an uns vollstrecken.

David Kato hat einen Prozess gegen „Rolling Stone“ angestrengt. Der Herausgeber verteidigt sich vor Gericht mit dem Argument, es gebe keinerlei Beweise für homosexuellenfeindliche Übergriffe.

Naome: Wie sollte es solche Beweise auch geben? Natürlich werden Schwule und Lesben überfallen, zusammengeschlagen, vergewaltigt. Niemand aber wird sich trauen, das bei der Polizei anzuzeigen – es gibt keine Beweise, und einem Schwulen wird die Polizei niemals glauben. Im Gegenteil, sie werden nicht die Täter, sondern das Opfer wegen seiner Homosexualität verhaften und verurteilen. David Kato ist es so ergangen.

Wie leben Schwule und Lesben in dieser Situation?

Naome: Die lesbisch-schwule Gemeinde in Uganda ist stark, gerade in den großen Städten. Aber es gibt keine LGBT-Community mehr, keine organisierte Bewegung. Es herrscht ganz einfach die nackte Angst.

Wie kann die Welt die Schwulen und Lesben in Uganda unterstützen?

Naome: Wichtig ist, dass die LGBT-Community in Uganda nicht vergessen wird. Dass die Medien darüber berichten, wie dieses Land die Menschenrechte mit Füßen tritt. Außerdem sollten die Geberländer ihre Unterstützung für das Land an Bedingungen knüpfen. Das ist wahrscheinlich der einzige Weg, wie die Regierung in Uganda zur Einsicht gebracht werden kann.

Das wird vielleicht das Gesetz verhindern, nicht aber die antihomosexuelle Stimmung im Land verändern.

Naome: Richtig, und das lässt mich verzweifeln.

Du lebst nun in Schweden.

Naome: Im vergangenen Oktober habe ich dort Asyl bekommen. Zum Glück hat Schweden ein liberales Asylgesetz, sodass das relativ unproblematisch war. Ich hoffe, dass ich in einigen Monaten meine Kinder nachholen kann.

 

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