„HIV kennt keine Nationalität - und hat auch kein Geschlecht“

Du bist nicht alleine! Das Netzwerk Frauen und Aids ist zu erreichen unter www.netzwerkfrauenundaids.de .

Rund ein Fünftel aller Menschen, die mit HIV in Deutschland leben, sind Frauen. Am heutigen internationalen Frauentag soll hier einmal genauer hingeschaut werden: Welche Erfahrungen machen sie? Wie ergeht es dabei der Untergruppe der HIV-positiven Migrantinnen und welchen Platz haben sie der Community?

Carmen Vallero sprach dazu mit Annette, die in Deutschland geboren ist und Melike, die aus der Türkei kommt und seit 2003 in Deutschland lebt. Annette Piecha arbeitet seit nahezu 20 Jahren im HIV-Bereich und setzt sich als Aktivistin, Dozentin und Beraterin für die Belange positiver Frauen ein, z. B. im Kompetenznetz HIV/Aids e.V., Netzwerk Frauen und Aids, DCAB-HIV e.V., EATG. Melike begleitet positive stimmen als Mitglied des Projektbeirates und engagiert sich in der Selbsthilfe von HIV-positiven Menschen mit Migrationshintergrund, u. a.  bei BeKAM, Familia+Migra, AfroLeben+ und im nationalen AIDS-Beirat.

Annette, gibt es Themen rund um die HIV-Infektion, die Frauen stärker betreffen als Männer?

Annette: Nun, es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede, die sich physisch und psychisch auswirken. Aus medizinischer Sicht bedeutet es, dass Medikamente aufgrund der körperlichen Konstitution bei Frauen möglicherweise anders wirken, bzw. anders dosiert werden müssen, evtl. gibt es auch unterschiedliche Nebenwirkungen. Leider gibt es dazu immer noch viel zu wenig frauenspezifische Studien und Frauen sind in medizinischen Studien unterproportional repräsentiert.

Naturgemäß gibt es dann Themen wie Zyklusstörungen, Kinderwunsch, Schwangerschaft und Menopause, später kommt häufig das erhöhte Risiko für Frauen, an Osteoporose zu erkranken, hinzu. Viele Frauen fürchten sich auch vor den sichtbaren körperlichen Veränderungen nach Beginn der Einnahme der ART, dies fördert die Angst vor dem Verlust ihrer Attraktivität und der Sichtbarkeit der Krankheit. Ansonsten ist ein positives Testergebnis für fast alle, unabhängig vom Geschlecht, ein großer Einschnitt im Leben und kann massive Auswirkungen auf die Psyche haben. Fragen nach dem Umgang mit der Infektion stehen dann im Raum: Wie geht es jetzt weiter? Wem vertraue ich mich an? Wie werden die anderen reagieren? Wie beeinflusst HIV meine Partnerschaft? All das betrifft Frauen und Männer gleichfalls. Ich erlebe aber häufig, dass der Schritt, die Krankheit öffentlich zu machen, Frauen - vor allem Müttern – schwerer fällt als Männern.

Aus welchem Grund ist das schwerer?

Annette: Viele Frauen, die nicht offen mit ihrer Diagnose umgehen, haben beständige Angst vor der Entdeckung. Sie tragen die Verantwortung für ihre Familie und befürchten, dass ihre Kinder anders behandelt werden könnten, wenn die Infektion der Mutter bekannt ist. Auch die Frage nach der eigenen „Schuld“ wird häufig gestellt und belastet oft jahrelang. Erschwert wird die Selbstakzeptanz dadurch, dass in der Bevölkerung HIV oft als eine „verruchte“ Krankheit empfunden wird, die sogenannte Rand- und Risikogruppen betrifft oder Menschen mit einem „ausschweifenden“ Sexleben – aber doch nicht eine „normale“ Frau. Ich glaube, dass dies auch ein Grund ist, warum viele Frauen nach dem positivem Testergebnis länger brauchen, neue Partnerschaften einzugehen oder ihre Sexualität zu leben, obwohl es bei einer gut behandelten Infektion dafür keinen Grund mehr gibt. 

Melike, kommen wir einmal zu der Gruppe der HIV-positiven Migrantinnen. Bringt ein Migrationshintergrund noch andere Faktoren ins Spiel beim Leben mit HIV?

Melike: Ein Virus hat keine Nationalität und deshalb gelten viele Dinge, die Annette erwähnt, für alle Frauen. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Migrantinnen in Deutschland oft erstmal ganz andere Sorgen haben als ihre HIV-Infektion. Ein Beispiel aus unserer Selbsthilfegruppe: Viele haben ihre Familien oder ihre Kinder im Heimatland zurückgelassen und das bringt viel Leid und viel Traurigkeit mit sich. Einige kommen aus Ländern, in denen HIV ein großes Tabu ist und sie können mit kaum jemandem darüber sprechen. Manche sind traumatisiert, weil sie Schlimmes erlebt haben, bevor sie hierhergekommen sind. All das sind Themen, die in einer Gruppe, in der ähnliche Erfahrungen geteilt werden können, oft besprochen werden. Der Umgang mit der HIV-Infektion ist ein Teil davon, aber nicht der wichtigste.

Dann erfüllt die Gruppe ja auch noch andere Funktionen, richtig?

Melike: Ja das stimmt und ich finde das äußerst wichtig. Oft fühlen sich Migrantinnen und Migranten untereinander etwas wohler, weil sie dieselben Themen verbinden oder viele Dinge einfach nicht erklärt werden müssen, z. B. wie es im Asylheim aussieht. Und es ist sehr schön zu sehen, dass Männer und Frauen sich gemeinsam mit Themen rund um HIV beschäftigen - in ihren Heimatländern wäre das so vielleicht nicht möglich. Es herrscht eine große Solidarität, Respekt und Verständnis. Und an dieser Stelle möchte ich ganz ehrlich sein – manchmal vermisse ich das in der positiven Community.

Was meinst Du damit genau?

Melike: Ich wünsche mir ein wenig mehr Solidarität gegenüber Migrantinnen und Migranten. Ich habe festgestellt, dass auch innerhalb der Aidshilfe oder Selbsthilfearbeit Menschen aus anderen Herkunftsländern mit Vorurteilen begegnet wird. Manchmal wird davon ausgegangen, dass sie weniger Schuldbildung haben, dass die Frauen vor allem mit den Kindern und der Versorgung der Familie beschäftigt sind. Ein Studium, Hobbys, weitreichende Interessen, Träume - das scheint nicht in die Schublade zu passen.

Wie sind denn die HIV-positiven Migrantinnen organisiert, z. B. hier in Berlin?

Melike: In der Selbsthilfegruppe BeKAM hier in Berlin sind ca. 60 Personen. Die Mehrheit bilden dabei Frauen, die sehr gut untereinander vernetzt sind. Wir treffen uns zweimal im Monat. Es ist toll, dass hier Frauen, Männer, Lesben und Schwule verschiedener Nationalitäten aufeinandertreffen, das wäre in ihren Herkunftsländern wahrscheinlich nicht möglich. Da würde dann das fehlen, was uns hier neben HIV gemeinsam ist, nämlich der Migrationshintergrund. Es gibt natürlich auch noch andere Veranstaltungen, die speziell Migrantinnen und Migranten ansprechen. Ich finde das auch gut, denn oft einen uns ähnliche Erfahrungen, die dann gar nicht erst erklärt werden müssen.

Annette, wie erlebst Du die Vernetzung von HIV-positiven Frauen in Deutschland?

Annette: Ungefähr hundert Frauen - sowohl HIV-positive als auch -negative -  sind Teil des bundesweiten Netzwerkes Frauen und Aids, das seit 20 Jahren besteht. Es wäre schön, wenn noch mehr Frauen zu den Netzwerktreffen und auch zu den Frauentreffen ins Waldschlösschen kommen, obwohl ich gut verstehe, dass es zunächst eine große Hemmschwelle gibt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich weiß auch, dass oft andere Dinge wie ein fordernder Job oder die zu versorgende Familie im Vordergrund stehen und Frauen deshalb zeitlich nicht so flexibel sind. Ob und wie sehr sich eine Frau in der Selbsthilfe engagieren möchte, muss jede für sich selbst entscheiden und den für sie richtigen Umgang mit der Infektion finden. Viel wichtiger finde ich, dass Frauen sich Hilfe in ihrer Nähe holen können, sich vernetzen können, wenn sie es möchten und nicht alleine mit der Krankheit bleiben, oftmals ist die Ärztin oder der Arzt die einzige Person, mit der über HIV gesprochen wird.

Ein Blick nach vorn: Was wünscht ihr Euch für die Zukunft?

Annette: Es ist für HIV-positive Frauen heute möglich, Normalität zu leben, Karriere zu machen, sexuell aktiv zu sein, eine Familie zu gründen und, unter bestimmten Bedingungen, ihre Kinder auf natürlichem Wege zu entbinden. Dieses Wissen sollte auch in der Gesellschaft ankommen. Dafür wünsche ich mir, dass das Umfeld Unterstützung und Verständnis für die zusätzlichen Belastungen eines Lebens mit einer chronischen Erkrankung bietet. Dann ist mehr Leichtigkeit und Zuversicht möglich. Etwas, dass ich mir nicht nur wünsche, sondern wirklich einfordere ist, dass HIV nicht mehr kriminalisiert wird. Die heute noch vorherrschende einseitige Schuldzuweisung an der möglichen HIV-Übertragung schadet und stigmatisiert alle Menschen, die mit HIV leben und behindert zusätzlich die Präventionsarbeit.

Melike: Ich bin zwar ein Fan der Arbeit der Aidshilfen aber eigentlich möchte ich, dass sie irgendwann einmal überflüssig ist und HIV nichts Besonderes mehr ist. In der näheren Zukunft, und das habe ich ja schon angedeutet, würde ich mich freuen, wenn mehr Solidarität untereinander gelebt wird. Alle Menschen mit HIV können sich etwas geben, etwas voneinander lernen und ich wünsche mir, dass dies nicht so getrennt ist zwischen Positiven, die hier aufgewachsen sind und denen, die aus anderen Ländern hierhergekommen sind.

Welche Rolle kann dabei positive stimmen spielen?

Annette: Ich unterstütze das Projekt sehr gern und hoffe, dass sich noch viele Menschen an den Interviews beteiligen werden. Ich finde es toll, dass neben der Erhebung von Daten Selbstreflexion und Erfahrungsaustausch zwischen den Gesprächspartner(inne)n in einem geschützten Rahmen stattfinden kann. positive stimmen vermittelt allen, die daran teilnehmen das Gefühl, mit ihren Erlebnissen nicht alleine zu sein und möglicherweise  erfahren sie Entlastung durch gegenseitiges Verständnis. Das ist gerade für Frauen, die leider oft immer noch jahrelang verborgen mit ihrer HIV-Infektion leben, eine wichtige Erfahrung.

Melike: Durch meine Arbeit im Projektbeirat habe ich selbst sehr viele schöne Begegnungen gehabt, mich verstanden und gesehen gefühlt. Das ist mein ganz persönlicher Gewinn und ich bin sicher, dass es auch vielen Menschen in den Interviews so gegangen ist.

Weiterführende Infos zu den Initiativen, in denen Melike und Annette sich engagieren gibt es hier .