„Drogenarbeit, die die Lebenswelt der Konsumierenden akzeptiert – dafür sind wir als Aidshilfe da!“

Eine JES-Initiative zur Legalisierung

Beraterinnen und Berater in Aidshilfe-Zusammenhängen begegnen in ihrer Arbeit Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen. In den letzten Jahren wird häufiger die Frage aufgegriffen, welche Ansprüche an die Beratung von Menschen zu stellen sind, die Drogen konsumieren und gleichzeitig durch eine HIV-Infektion, Tuberkulose oder auch Hepatitis C gesundheitlich eingeschränkt sind.

Drogengebrauchende sind häufig von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen. Nicht nur in der allgemeinen Öffentlichkeit herrscht häufig die Meinung vor, dass das Ziel klassischer Drogentherapie die Drogenfreiheit sein sollte. Von vielen Substitutionsärzten wird die Abstinenz als einzig legitimes Ziel abgelehnt oder zumindest relativiert, da die Erreichung eines solchen Ziels für viele Konsumierende vollkommen unrealistisch ist. Vielmehr solle sich die Zielfindung an der individuellen Situation des einzelnen orientieren.

Auch für die Aidshilfe gilt seit jeher der Grundsatz einer Lebenswelt akzeptierenden Haltung. So richtig und wichtig dies ist – für die Betreuer/innen ist die langfristige Begleitung eines fortgesetzten, unter Umständen schädigenden Drogengebrauchs manchmal schwer auszuhalten. Hinzu kommt, dass sie sich nicht immer den in der Gesellschaft vorherrschenden Bildern eines drogenfreien Lebens verschließen können. Ein Dilemma in der Drogenarbeit? Karl Lemmen, Referent der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) für Qualitätsentwicklung und Beratung berichtet in einem Gespräch mit Carmen Vallero von seinen Erfahrungen. 

Karl, kannst Du kurz Deine Erfahrungen beschreiben in diesem spannungsreichen Feld zwischen der Akzeptanz des Konsums und der Forderung nach einem gänzlichen Verzicht darauf?

Die Deutsche AIDS-Hilfe hat im letzten Jahr ein neues Seminarangebot  zur Unterstützung der Mitarbeiter/innen im betreuten Wohnen geschaffen. Unter dem Titel „HIV und Psyche: Betreuung von Menschen mit chronischer Substanzabhängigkeit“ geht es um ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge zwischen seelischer Erkrankung und Drogengebrauch. Das ist für eine kompetente Begleitung von Langzeit-Konsumenten im Rahmen des betreuten Wohnens unerlässlich. Die erste Durchführung dieses Seminars hat uns aber selbst gezeigt, wie tief das „Introjekt“ der Abstinenzorientierung sowohl bei den Trainer/innen als auch bei den Teilnehmer/innen verankert war.

Kannst Du bitte kurz den Begriff Introjekt erklären?

Introjektion bedeutet, dass Werte und Normen verinnerlicht wurden. Im Laufe unseres Lebens und der Sozialisation, also unserem Aufwachsen in der Gesellschaft, werden bestehende Moral- und Lebensauffassungen quasi automatisch übernommen. Oft werden sie als die eigenen Wertvorstellungen angesehen und nicht weiter überprüft oder hinterfragt. Im Fall von Drogengebrauch heißt das konkret: Auch Betreuer/innen übernehmen oft einfach die gesellschaftliche Vorstellung, dass der Konsum von Drogen moralisch fragwürdig ist und daher immer ein drogenfreies Leben angestrebt werden sollte. Zumindest sollte jeder, der abhängig ist, jeden Versuch unternehmen, abstinent zu werden. Denn nur der Abstinente sei in der Lage, ein gesundes und glückliches Leben zu führen.

Du sagst, dass in der Gesellschaft das Paradigma der Abstinenz von Drogen vorherrscht. Was bedeutet das für die Konsumierenden?

Es macht Drogengebrauchende erst mal zu Außenseitern. Bei anderen Süchten z. B. nach Arbeit oder Fernsehen sieht das anders aus, die sind eher akzeptiert und werden eher verharmlost. Abstinenz wird da nicht verlangt. Es gibt also einen Unterschied in der Bewertung von Süchten – und Drogengebrauchende landen da oft auf dem letzten Platz. Der völlige Verzicht auf Substanzen ist ja kein dummes Konzept: für manche funktioniert es und es mag auch für den Umgang mit bestimmten Substanzen nicht unsinnig sein. Das Problem des Abstinenzparadigmas ist nur, dass es nicht für alle Menschen gleichermaßen gelten kann und erreichbar ist. Ob eine Abstinenz möglich ist, hängt immer von der einzelnen Person, ihrer Lebenssituation und der individuellen Bedeutung der Substanz ab.

An welchen Stellen kann dies besonders die Arbeit mit Langzeitkonsumierenden beeinflussen?

Mit den Klient/innen werden ja zu Beginn Ziele vereinbart, die sie versuchen wollen, zu erreichen. Diese müssen für sie auch passen, also realistisch sein. Wenn sich hier eine unbewusste Orientierung an der Abstinenz einschleicht, könnten die falschen bzw. unrealistische, da nicht erreichbare oder vom Klienten nicht angestrebte, Ziele gesteckt werden. Vielleicht ist der völlige Verzicht auf den Konsum nämlich zunächst nicht möglich. Es kann um ganz andere Dinge gehen, wie die Verbesserung der Lebenssituation, die Wiederherstellung von Stabilität, von Zufriedenheit oder der Fähigkeit, zu arbeiten, sich um ein Kind zu kümmern. Irgendwann, viel später, kann auch die Abstinenz stehen, aber dies darf und kann nicht von Beginn an Einfluss nehmen. Damit würde man den Menschen nicht gerecht werden, denn ich bin der Meinung, dass der Respekt vor jeder einzelnen Person und ihren individuellen Möglichkeiten elementar ist in der Drogenarbeit.

Was bedeutet das ganz konkret für die Betreuung und Beratung?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten die Dynamik von Sucht kennen und wissen, wie sich Sucht und Psyche gegenseitig beeinflussen. Sie sollten in der Konsequenz unterscheiden können, wo und wann das Ziel der Abstinenz ein gangbarer Weg ist. Bei Menschen die dies voraussichtlich nicht schaffen werden, braucht es andere Ansätze, z. B. muss geschaut werden, wie ein Konsum möglich ist, der sie so wenig wie möglich schädigt. In der modernen Suchttherapie kommen diese Ansätze mittlerweile auch immer mehr an und zur Anwendung. So werden bestehende Angebote, wie z.B. „KISS“ („Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum“), bei dem Beraterinnen und Berater im Umgang mit Drogenkonsumierenden Klient/innen trainiert werden, verstärkt wahrgenommen.

Dafür zu sensibilisieren ist auch Thema in den von der DAH angebotenen Weiterbildungen?

Ja, denn für einen Wandel braucht es Mitarbeitende mit einem Gespür für Möglichkeiten, also Menschen, die die Abstinenz nicht automatisch als höchstes Gut mitdenken. Das gibt ihnen die Chance, angemessene Maßnahmen zu entwickeln. Manchmal heisst das auch, Klient/innen auf dem letzten Stück der Suchtkarriere zu begleiten und dafür zu sorgen, dass sie nicht unter der Brücke, sondern in einem respektvollen Kontext sterben können. Auszuhalten, dass man nichts machen kann, ist schwer in einer Gesellschaft, die das als Scheitern und Misserfolg betrachtet. Es ist eine große Leistung, dem standzuhalten, nicht wegzulaufen und dabei selbst keinen Schaden zu nehmen. Davor habe ich einen ungeheuren Respekt.

Was ist hilfreich für die Betreuungsarbeit mit Drogengebrauchenden?

Persönlich finde ich es wichtig, dass Betreuer/innen für ihre Arbeit nicht nur Wissen mitbringen, sondern auch Erfahrungen. Damit meine ich nicht, dass sie selbst konsumieren sollten, aber sie können den Mut mitbringen, sich auf etwas einzulassen. Sie sollten – und dies versuchen wir z. B. mit Rollenspielen in unseren Seminaren – einmal gespürt und nicht nur begriffen haben, wie es sich anfühlt, schwer deprimiert zu sein, eine Borderline Störung zu haben, auf eine Substanz angewiesen zu sein. Solche Einblicke und Erfahrungen sind nicht immer angenehm, aber sie helfen, Schicksale nachvollziehen zu können. Zu verstehen, warum ein Mensch „auf Teufel komm raus“ auf eine Substanz angewiesen ist, ist ein erster Schritt hin zu einer wirklich akzeptierenden Drogenarbeit, die den betreuten Menschen gerecht wird. Denn genau dafür sind wir als Aidshilfe auch da.

 

Weiterführende Informationen:

KISS („Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum“)

Akzept e.V. (Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit)

JES (Bundesweites Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten)