„Menschen mit HIV wollen nicht zuhause sitzen und Däumchen drehen“

David Leyendecker von der Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben. www.positivarbeiten.de

Der morgige 01. Mai ist bekanntlich mehr als erstes Grillen auf der Wiese oder Krawall in Kreuzberg: Was als Generalstreik zur Durchsetzung des Achtstundentages begann, ist ebenso Anlass für Forderungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an Politik und Gesellschaft. Zwei Drittel der Menschen mit HIV sind erwerbstätig, viele von ihnen haben HIV-bezogene Diskriminierung und Stigmatisierung am Arbeitsplatz erfahren. Über ihre Situation und über die Herausforderungen für die Zukunft berichtet David Leyendecker (45), der in Berlin als Familienhelfer tätig ist. Neben dieser Arbeit ist er ehrenamtlich in der Selbsthilfe engagiert, u. a. in der Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben und aktuell in der Vorbereitungsgruppe der Positiven Begegnungen,

David, seit drei Jahren bist Du aktiv in der Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben. Was sind Eure Themen und Ziele?

Wir sind eine wechselnde Gruppe von Menschen, die sich mit HIV in der Arbeitswelt auseinandersetzen. Wir beschäftigen uns mit HIV-bezogener Diskriminierung im Erwerbsleben, bei spezifischen Fragen vermitteln wir Ratsuchende auch weiter an Experten wie z. B. Fachanwälte für Arbeitsrecht. Auch die Angebote der Aidshilfen für Berufstätige oder das Informationsmaterial für Unternehmen schauen wir uns an. Für alle unsere Themen ist Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig. Dafür sind wir sind wir bei Veranstaltungen dabei oder organisieren Podiumsdiskussionen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass wir uns vor allem einsetzen für ein realistisches Bild von Menschen mit HIV, die im Berufsleben stehen.

Welches Bild haben denn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber von Angestellten mit HIV?

Uns wird oft berichtet, dass viele Vorgesetzte denken, Menschen mit HIV sind nicht leistungsfähig und häufig krank. Dann ist da auch noch der ganze Bereich der „Ansteckungsgefahr“, es gibt immer noch Leute, die glauben, dass HIV durch Anfassen übertragbar ist. Auch die Verbindung schwul und positiv, „,da ist man an HIV doch selbst schuld“, ist noch in den Köpfen. Vor dieser Stigmatisierung haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter natürlich Angst. Das ist auch ein Grund, warum viele sich im Job nicht als positiv outen. Allerdings finde ich auch, dass das eine ganze individuelle Entscheidung ist, bei der es immer auf die eigene Stabilität und das Umfeld ankommt und die wohlüberlegt gefällt werden sollte.

Dein Arbeitgeber weiß, dass Du HIV-positiv bist. Welche Erfahrung hast Du selbst gemacht?

Also bei mir war das kein Problem. Ich bin für Offenheit und mir war wichtig, ihm das mitzuteilen. Ich gehe mit HIV nicht hausieren und es wissen nur wenige Kollegen von meiner Infektion. Mein Vorgesetzter ist informiert, dass ich in der Interessenvertretung aktiv bin und auch Öffentlichkeitsarbeit für unsere Themen mache. Einige „Medienauftritte“ müssen wir aber miteinander absprechen.

Also ist es doch nicht ganz so problemlos für Dich, offen positiv aufzutreten?

In einem definierten Rahmen schon. Wenn ich aber z. B. im Fernsehen zu sehen wäre, hätte mein Arbeitgeber Sorge, dass unsere Auftraggeber mich nicht mehr als Familienhelfer akzeptieren würden, weil ich eine Ansteckungsgefahr darstellen könnte. Ich kann das zwar nachvollziehen, aber im Grunde passiert ja folgendes: Ich habe kein Problem, mein Arbeitgeber auch nicht aber trotzdem besteht die Sorge, dass andere ein Problem haben könnten. Ja, die Gesellschaft ist von einer Akzeptanz noch weit entfernt.

Dank des medizinischen Fortschritts ist HIV heute eine andere Krankheit als früher. Was hat sich für Positive hinsichtlich der Arbeitswelt geändert?

Vor allem wollen sie nicht zuhause sitzen und Däumchen drehen! Der größte Teil der Menschen mit HIV möchte arbeiten und kann das auch. Vor 20 Jahren waren die Perspektiven anders, da sind viele in die Rente gegangen, einige von ihnen haben heute damit zu kämpfen, wieder den Einstieg ins Berufsleben zu finden. Deshalb brauchen wir neben dem realistischen Bild der Krankheit in der Arbeitswelt auch neue Beschäftigungskonzepte für Menschen mit Leistungseinschränkungen. Inklusion, also die Möglichkeit der Teilnahme aller Menschen am Arbeitsleben, kommt ja mittlerweile auch in den Unternehmen an.

Wie sieht es denn mit den Angeboten von Aidshilfen für Berufstätige aus?

Naja, die sind nicht immer geeignet. Zum einen nehmen viele die bestehenden Angebote nicht wahr, weil sie sich nicht mit „Aids“ identifizieren sondern HIV-positiv sind. Zum anderen liegt es auch daran, dass vieles zu Zeiten stattfindet, die für Berufstätige nicht möglich sind. Sie können oft nicht einmal zu den Öffnungszeiten der lokalen Aidshilfe kommen. Hier findet ja ein Umdenken statt und ich weiß von einigen Beratungsangeboten „nach Feierabend.“

Einige Angebote wie ein gemeinsames Frühstück oder eine Sportgruppe repräsentieren das Bild des „alten Aids“, inhaltlich sind sie oft eher auf Langzeitpositive zugeschnitten, die gemeinsam Zeit verbringen. Ich will damit nicht sagen, dass es keine guten Angebote sind - aber sie passen nicht für die Berufstätigen mit HIV. Ein Stück weit geht das also an einem Teil der heutigen Zielgruppe vorbei. Wer auf dem Land wohnt, für den ist die Aidshilfe ja auch ein Treffpunkt. Hier merkt man oft zum ersten Mal, dass man nicht allein ist in der Region mit dem Schwulsein, mit der HIV-Infektion. Da entstehen Kontakte und Vernetzungen, man bekommt Unterstützung oder es werden Räumlichkeiten für Treffen zur Verfügung gestellt.

Ich denke, dass sich viel gewandelt hat und weiterhin wandeln wird. Da ist es für die Aidshilfe wichtig, aktuell zu bleiben. Und es gibt neue Herausforderungen, HIV im Alter beispielsweise. HIV ist heute einfach so heterogen wie die Menschen selbst und allen gerecht zu werden, ist keine leichte Aufgabe.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass HIV „salonfähig“ wird und dass die Gesellschaft und Unternehmen wissen, dass man mit der Infektion leben, arbeiten und eine Zukunft gestalten kann. Dafür setze mich ein und wünsche mir das auch von anderen. Das bedeutet nicht, dass jeder sein Gesicht dafür zeigen muss. Die Arbeit im Hintergrund ist genauso wichtig für den Wandel.

Das nächste Treffen der Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben findet vom 10. bis 12. August 2012 im Waldschlösschen statt. Berufstätige und Menschen mit HIV, die wieder ins Erwerbsleben möchten, können hier Themen rund um HIV und Arbeit mit gestalten. Eine Anmeldung ist erforderlich.