„Ehrenamt – das ist für Asylsuchende ein Luxus!“

Aslysuchend und in Selbsthilfe engagiert - ein Widerspruch? (Foto: Dieter Schütz/ pixelio.de)

Die Angebote der Aidshilfe sind für alle Menschen mit HIV offen und jede/r kann sich in der Selbsthilfe oder bei Projekten wie positive stimmen engagieren. Gilt das wirklich für alle? Über die Situation von HIV-positiven Migrantinnen und Migranten, die in Deutschland Asyl beantragt haben, sprach Melike Yildiz mit Carmen Vallero. Melike begleitet positive stimmen als Mitglied des Projektbeirates und ist aktiv bei BeKAM, Familia+Migra, AfroLeben+ und im nationalen AIDS-Beirat.

Melike, Du hast durch deine Arbeit viel Kontakt zu Asylbewerber/innen mit HIV. Ist für sie die gleiche Beteiligung möglich wie für alle anderen?

Nein, leider nicht. Wer nach Deutschland kommt und Asyl beantragt, hat ja erstmal einen ungeklärten Aufenthaltsstatus. So lange das Verfahren läuft, darf man nicht arbeiten und viele leiden unter der Unsicherheit, wie es nun weitergeht. Sie kümmern sich um ihre Papiere, suchen eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt, nehmen am Integrationskurs teil, lernen Deutsch. Sie haben also jede Menge zu tun. Ehrenamt ist toll und ohne ehrenamtlich engagierte Menschen würde die Selbsthilfe nicht funktionieren – würde es die Aidshilfe so gar nicht geben. Aber Ehrenamt, das ist für Asylsuchende ein absoluter Luxus! Dafür braucht man einen Platz im Leben und zumindest eine stabile Basis, was den Aufenthalt angeht. Und auf dem Weg liegen noch viele andere, ganz praktische Schwierigkeiten.

Welche sind das ganz konkret?

Ganz praktisch: Asylbewerber/innen erhalten einen bestimmten Betrag in bar. Wenn sie nun an Veranstaltungen, z. B. im Waldschlösschen teilnehmen möchte, müssen sie dort erstmal hinkommen. Ohne Fahrkarte geht das nicht. Auch wenn die Veranstaltenden die Reisekosten erstatten – der ihnen zur Verfügung stehende Betrag reicht meist nicht, um das Geld für eine Fahrkarte auszulegen.

Hinzu kommt, dass in Deutschland die Residenzpflicht gilt. Für Asylbewerber/innen heisst das, dass sie sich bei der zuständigen Stelle die Genehmigung einholen müssen, ihren Landkreis verlassen zu dürfen. Das bedeutet, sie müssen begründen, warum und wo sie hinfahren. Ihren positiven Status können sie da ja kaum verschweigen – und das finde ich einfach nicht okay. Für alle anderen Menschen, die neben mir im Bus sitzen, gilt das nicht und es geht ja auch niemanden etwas an. Meiner Meinung nach widersprechen die Regelungen der Residenzpflicht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die ja besagt, dass man sich innerhalb eines Staates frei bewegen kann.

Melike, Du hast erzählt, dass Asylsuchende in Bayern und Sachsen immer auf HIV getestet werden...

.... ja, das beschäftigt mich sehr, denn es ist nichts anderes als ein Zwangstest. In Sachsen werden die Flüchtlinge über die Art und den Umfang der medizinischen Untersuchung aufgeklärt – in Bayern gibt es diese Pflicht zur Information nicht einmal. Es ist klar, dass der HIV-Test an sich ein Gewinn ist – viele sind dankbar für diese Möglichkeit und auch, dass sie bei positivem Ergebnis eine Therapie beginnen können, ist gut. Nicht in Ordnung ist aber, dass diese Menschen nicht frei entscheiden können, ob sie sich testen lassen möchten. Das ist nicht in Ordnung. Hinzu kommt, dass nur positive Testergebnisse mitgeteilt werden.

Welche Themen sind für Asylbewerber/innen darüber hinaus besonders wichtig und welche Rolle kann eine HIV-Selbsthilfegruppe dabei spielen?

Viele kommen nach Deutschland mit nur einer Tasche und haben ein Kind an der Hand. Sie haben ihr Land ja nicht freiwillig verlassen. Oft sind sie traumatisiert durch ihre Erlebnisse in der Heimat und leiden unter der Ungewissheit, wie es nun weitergeht. In Deutschland kennen sie niemanden. Sie wissen noch nicht, wie das Leben hier funktioniert, können die Sprache nicht. Sie haben oft schlimmes Heimweh und sorgen sich um die zurückgebliebenen Familienmitglieder. Eine Gruppe, die einem zeigt, dass man mit diesen Erfahrungen nicht allein ist, ist enorm hilfreich – völlig unabhängig von HIV.

Welche Wünsche hast Du bei dem Thema für die Zukunft?

Die bürokratischen Hürden, die es nicht so einfach machen, eine Gruppe zu finden und zu besuchen, sind oft aufreibend. Viele Sachbearbeiter/innen sind hilfsbereit und verständnisvoll. Trotzdem erlauben die gesetzlichen Regelungen in Deutschland für HIV-positive Asylsuchende nicht dieselbe Teilhabe. Einer meiner Wünsche für die Zukunft ist daher, dass dies für Asylbewerber/innen ebenso einfach möglich ist wie für alle anderen und dass sie genauso in die Angebote integriert werden und Solidarität erfahren können.