„Entkriminalisierung der Sexarbeit – weltweit!“

Das Internationale Netzwerk von Sexarbeitenden (NSWP) veranstaltet den Alternativkongress zur Welt-Aids-Konferenz

Ariane ist Sexarbeiterin aus Berlin, politische Aktivistin und Beiratsmitglied von bufas e.V., einem Zusammenschluss von Organisationen, die sich um die Interessen von Sexarbeitenden in Deutschland kümmert. Aktivist_innen in dem Bereich bringen sich jeher engagiert in die sie betreffende Diskussionen ein – auf der im Juli anstehenden internationalen Aids-Konferenz mit über 20.000 Teilnehmer_innen ist dies aber nur bedingt möglich.

Ariane, im nächsten Monat findet in Washington die internationale Aids-Konferenz statt. Du wirst Dich zu dem Zeitpunkt am anderen Ende der Welt, nämlich im indischen Kalkutta, mit vielen anderen HIV-Aktivist_innen im Bereich Sexarbeit treffen. Wie kommt das?

Ich bin von der Konferenz ausgeschlossen, weil in den USA ein Einreiseverbot für Sexarbeiter_innen besteht. Wenn ich trotzdem hinfahre, bedeutet das, dass ich mich nicht zu meiner Tätigkeit bekennen kann und mich durch meine Anwesenheit im Land strafbar mache. Würde den Behörden bekannt werden, welchen Beruf ich ausübe, kann ich also dort ins Gefängnis kommen bzw. sofort ausgewiesen werden und ein Einreiseverbot für die USA erhalten.

Das Sexworker Freedom Festival in Kalkutta ist eine ergänzende Veranstaltung, um gegen Ausgrenzung von Sexarbeiter_innen zu protestieren. Mit dem Treffen wollen wir gewährleisten, dass all die Stimmen gehört werden, die in den USA nicht zugelassen werden. Während der fünf Stunden, in der sich die beiden Konferenzen täglich überschneiden, wird es daher auch Videoübertragungen zwischen den Veranstaltungen in den beiden Ländern geben.

Was ist das Ziel der Konferenz und was sind die Forderungen?

Das Programm wird sich auf Freiheiten für Sexarbeiter_innen konzentrieren, auf die wir alle Anspruch haben. Konkret bedeutet das zum einen die Erlaubnis, in diesem Bereich zu arbeiten. Zum anderen geht es um die Freizügigkeit in der Ausübung der Tätigkeit, z. B. sich als Sexarbeiter_in niederlassen zu können, frei reisen zu können. Dazu ist ein geregelter Status, also die Anerkennung der Sexarbeit als Erwerbstätigkeit nötig. Auch für uns Sexarbeiter_innen soll die Versammlungsfreiheit gelten, wir möchten wie andere Berufsgruppen auch die Möglichkeit haben, uns gewerkschaftlich zu organisieren und Interessenvertretungen gründen zu können.

Eine weitere Forderung ist die Entkriminalisierung von Sexarbeit – und zwar weltweit. Wir verlangen den Schutz vor Gewalt und Diskriminierung und den uneingeschränkten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen. In vielen Ländern ist Prostitution verboten. Damit verschwindet aber nicht das Bedürfnis nach bezahltem Sex. Es setzt Sexarbeiter_innen und ihre Kunden aber staatlicher Willkür aus und macht sie unerreichbar für eine strukturelle gesundheitliche Aufklärung, also auch für die HIV-Prävention. In den USA wird beispielsweise die Mittelvergabe für Präventionsarbeit davon abhängig gemacht, dass die Maßnahmen in keiner Weise mit Sexarbeit und den Rechten von Sexarbeiter_innen in Verbindung gebracht werden. Ich persönlich bin der Meinung, dass dies ideologische Motive hat: tatsächlich befürworten die dortigen Programme der Sexualaufklärung alle die Enthaltsamkeit. Sogar das Bei-sich-Tragen von Kondomen wird bereits als Indiz gewertet, der Prostitution nachzugehen oder sie in Anspruch nehmen zu wollen. Es finden Festnahmen statt, die Menschen werden stigmatisiert. Das schadet beiden Seiten und fördert eine Art von Sexarbeit, in der die Anwendung und damit der Schutz durch Kondome schwerer möglich ist.

Wie ist denn die Situation für Sexarbeitende in Deutschland?

Es gibt viele diskriminierende Sonderverordnungen, die abgeschafft gehören. Hierzu nur ein Beispiel: Zur Diskussion der anstehenden Gesetzesnovelle des Prostitutionsgesetzes wurden von der CDU zu einem informellen Treffen ausschließlich Prostitutionsgegnerinnen eingeladen. Teilnehmende behaupten zum Teil dort, dass alle Frauen in der Sexarbeit Opfer sind. Es kann ja sein, dass sie bisher nur Frauen kennengelernt hat, die sich in Notsituationen an Beratungsstelle gewandt haben. Aber das gilt nicht für alle! Ich wehre mich einfach gegen das diskriminierende Bild, dass Sexarbeit immer mit Ausbeutung oder Zwang zu tun hat – selbstbestimmte Sexarbeit ist durchaus möglich und wird von vielen auch so gelebt. Warum sind Vertreterinnen dieser Position nicht einbezogen? Und nicht nur das – sie werden dort sogar als „Opfer eines falschen Bewusstseins“ dargestellt. Damit wird ihnen Mündigkeit und Subjektivität abgesprochen und das empfinde ich als extrem stigmatisierend.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir einen gesellschaftlichen Diskurs, der uns nicht markiert und über uns richtet, ohne unsere Interessen und Forderungen zu berücksichtigen. Dies würde in der Folge zu einer Entstigmatisierung beitragen und das bedeutet ebenfalls Lebensqualität für Sexarbeiter_innen, die so oft ihre Tätigkeit verheimlichen müssen.

 

Vom 21. – 26. Juli 2012 findet in Kalkutta, Indien, das Sexworker Freedom Festival statt. http://www.nswp.org/page/iac-2012-kolkata

Vom 22. – 27. Juli findet in Washington, USA, die Internationale Aids Konferenz statt.

Auch das Projekt „positive stimmen“ wird dort mit einem Interviewer und einem Mitglied des Projektbeirates vertreten sein. http://www.aids2012.org/

1 Kommentare

alivenkickn (nicht überprüft) schrieb am

Und nicht nur das – sie werden dort sogar als „Opfer eines falschen Bewusstseins“ dargestellt. Das is wie mit der Homosexuallität. Für die kath Kirche sind Homosexuelle krank . . . Viel Spaß und schöne Begegnungen in Kalkutta