Archiv Positive Stimmen

Die Ziele

Ziel des Projektes ist es, zu dokumentieren, wie Menschen mit HIV Stigmatisierung erleben. Darüber hinaus sollen Menschen mit HIV durch die Mitarbeit in dem Projekt in ihrer Selbstorganisation und der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema unterstützt werden. Umgesetzt wird dies über die Grundidee, dass Menschen mit HIV das Erleben von Stigmatisierung bei anderen Menschen mit HIV mittels Interviews selbst dokumentieren.

Die Prinzipien

Die Verantwortung für die Umsetzung des Projektes in den jeweiligen Ländern liegt in den Händen von Organisationen, die die Interessen von Menschen mit HIV vertreten. Damit soll gewährleistet werden, dass die Interessen von Menschen mit HIV und ein Höchstmaß an Transparenz und Datenschutz gewährt sind.

Den GIPA-Prinzipien folgend, sind es Menschen mit HIV, die in dem Projekt Prozessverantwortung tragen, so z.B. vor allem bei der Dokumentation der Stigmatisierungserfahrungen. Dazu werden sie zu so genannten Peer Researchern ausgebildet, also Forschenden, die sich mit Themen auseinandersetzen, die sie selbst betreffen. Der Peer-Research-Ansatz soll zum einen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis in der Interviewsituation beitragen. Zum anderen soll die Möglichkeit für die interviewte Person gegeben sein, über die interviewende Person Anknüpfung zu einem eigenen weiteren Engagement zu finden: seien es Kontakte zum Beratungssystem oder zu Initiativen der Selbstorganisation.

Bedeutsam im Rahmen des Projektes ist die Zusammenarbeit der verschiedenen in diesem Feld sich bewegenden Akteure. Das Projekt kann dazu dienen, neue Kooperationen aufzubauen und bestehende zu festigen. Elementar sind daher der Einbezug möglichst aller relevanten und interessierten Akteure im Feld bzw. deren aktive Beteiligung.

Nicht zuletzt soll das Projekt als Möglichkeit der Interessenvertretung genutzt werden. Sowohl der Prozess an sich, in dem Menschen mit HIV sich selbst des Themas annehmen, als auch die Ergebnisse, die Formen der Stigmatisierung aufzeigen, sollen Argumente liefern, um sich gegenüber Politik und (Fach-)Öffentlichkeit für die Belange von Menschen mit HIV einsetzen zu können.

Die Perspektiven

Die Ergebnisse des Projektes dienen als Ansatzpunkte zur Entwicklung von Konzepten zur Verringerung von Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit HIV. Auch können durch das Projekt entstehende bzw. gestärkte Prozesse und Strukturen der Zusammenarbeit von Menschen mit HIV genutzt werden für ein weitergehendes Engagement in Initiativen der Selbstorganisation.

Langfristig werden das Projekt und die damit initiierten Schritte dazu beitragen, die HIV-bezogene Stigmatisierung zu reduzieren. Die Entstigmatisierungsprozesse sollen sich positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit HIV und Aids auswirken, so z.B. in den Bereichen Beschäftigung und psychosoziale Belastung. Außerdem soll auch der primärpräventive Bereich profitieren, z.B. durch eine stärkere Nutzung von HIV-Test-Angeboten.

Peer Forschung

Der englische Begriff „peers“ lässt sich mit Ebenbürtige oder Gleichgestellte bzw. Menschen einer „Bezugsgruppe“ übersetzen. Von peer research oder Peer-Forschung wird gesprochen, wenn Menschen, die eine bestimmte Erfahrung sehr gut kennen, andere Menschen, die diese Erfahrung ebenfalls kennen, zu dieser Erfahrung interviewen bzw. eine Forschung zu dieser Erfahrung weitgehend mitgestalten. Das kann etwa die Erfahrung sein, im Gefängnis gewesen zu sein, die Erfahrung, Drogen gebraucht zu haben, oder auch die Erfahrung, einer bestimmten Form von Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Die Erfahrung kann sich auch auf eine bestimmte, möglicherweise auch zugeschriebene Identität beziehen, beispielsweise als schwuler Mann, als lesbische Frau, als Trans-Person, als Migrant/in usw. Diese Form der Forschung steht im Gegensatz zu einer auch als traditionell bezeichneten Forschung, bei der die ausgebildeten Forschenden meist eine große Distanz zum Forschungsthema haben. In der Peer-Forschung hingegen werden Menschen einer bestimmten Bezugsgruppe, die meist keine Forschungsausbildung oder -erfahrung mitbringen, als Peer-Forscher/innen ausgebildet.

Wichtige Merkmale des Peer-Forschungsansatzes sind

  1. die Teilnahme und Teilhabe jener, deren (Er-)Leben im Mittelpunkt der Forschung steht,
  2. ein aktivismusorientierter Ansatz, in dem die erhobenen Daten der Verbesserung der Situation dieser Menschen dienen, und
  3. das Empowerment der an der Forschung beteiligten Menschen der Bezugsgruppe.

Bei positive stimmen zeigen sich diese Merkmale darin, dass

  1. HIV-positive Menschen in Form des Beirats, der Interviewenden und der Interviewten die zentrale Rolle bei der Gestaltung der Forschung spielen,
  2. die Datenerhebung dem Zweck dient, die Situation und die verschiedenen Formen von Diskriminierung und Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen besser zu verstehen, um Ansätze zu entwickeln, diese Situation nachhaltig zu verändern,
  3. der Empowerment-Ansatz eine zentrale Rolle spielt: Umgesetzt wird er vor allem durch die Einbeziehung der Peer-Forscher/innen und ihre Ausbildung zu Interviewenden. Die Interviewenden wiederum geben dieses Empowerment bei den Interviews weiter – unter anderem mit Hilfe des Fragebogens, der nicht nur Informationen abfragt, sondern auch Informationen zur Verfügung stellt.

(Text: Carla LaGata, Carolin Vierneisel)