Was sind die Ursachen?

Schutz und Angst vor dem Tod

Bei der Frage nach den Ursachen wird oftmals zwischen „instrumenteller“ und „symbolischer“ Stigmatisierung unterschieden. Dabei geht es um die Frage, ob die Stigmatisierung die Funktion hat, vor einer als real wahrgenommenen Bedrohung zu schützen („instrumentelle Stigmatisierung“) – oder ob es darum geht, eine gesellschaftliche Ordnung zu bewahren, die als schützenswert angesehen wird („symbolische Stigmatisierung“). Während bei der ersten Funktion tatsächlich die Angst bzw. der Schutz vor z.B. einer tödlichen Infektion im Vordergrund steht, geht es bei der zweiten Form meist um gesellschaftlich definierte Werte und Moralvorstellungen, die geschützt werden sollen. Verhalten, das als vermeintlich gesellschaftsschädigend angesehen wird, wird demnach verurteilt und die Menschen, die mit diesem Verhalten in Verbindung gebracht werden, ausgegrenzt. In Bezug auf HIV/ Aids waren vor allem in den 80er Jahren beide Formen sehr stark ausgeprägt.

In Bezug auf Stigmatisierung wird immer wieder auf die Bedeutung des Todes hingewiesen: Kulturell und individuell werden der Tod und die eigene Sterblichkeit meist als große Bedrohung wahrgenommen. Menschen reagieren daher oft mit Angst, wenn sie damit direkt konfrontiert sind. Angst lähmt. Gesellschaften leben durch Entwicklung und müssen einer solchen Lähmung vorbeugen. Eine vorbeugende Strategie ist, der Auseinandersetzung mit dem Tod und der individuelle Sterblichkeit aus dem Wege zu gehen und das zu verbannen, was daran erinnert. In den 80er Jahren, als viele Menschen an den Folgen von HIV/ Aids starben entstand ein Bild von HIV als eine tödliche Bedrohung für Individuen und Gesellschaft, das die Wahrnehmung von HIV/ Aids nachhaltig prägt.